Präsident Karol Nawrocki: Begründung der Entscheidung, Wolodymyr Selenskij die höchste polnische Auszeichnung abzuerkennen

Präsident Karol Nawrocki hat entschieden, Wolodymyr Selenskij, Präsident der Ukraine, die höchste Auszeichnung des polnischen Staates, den Orden des Weißen Adlers, abzuerkennen. Vorangegangen ist die Entscheidung Selenskijs, einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte den Namen „Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee“ (ukr. UPA) zu verleihen. In Polen wird der UPA Völkermord an der polnischen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkrieges vorgeworfen. In der Ukraine wird dagegen ihr antisowjetischer Freiheitskampf betont [Anm. d. Red.].

19.06.2026

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Opfer unserer Vorfahren darf nicht durch Schweigen verraten werden. Ihre Gräber dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Es sind Wunden der Geschichte, die Wahrheit, Gedenken und Respekt verlangen.

Wir Polen erinnern uns an die Unseren. Wir geben sie nicht preis und werden ihrer immer gedenken. Achtung vor den Vorfahren und Aufrichtigkeit gegenüber der Geschichte sind unser aller Pflicht. Eine Nation, die ihre Erinnerung verliert, verliert einen Teil ihrer Seele. Ein Staat, der aufhört, die Wahrheit über seine Geschichte zu verteidigen, hört auf, Wächter über die Achtung der Nation zu sein.

Die historische Wahrheit ist und darf kein Trumpf sein. Der Opfer zu gedenken, ist eine moralische Pflicht des polnischen Staates.

Für die deutliche Mehrheit der polnischen Gesellschaft bleibt die Ukrainische Aufständische Armee (ukr. UPA) v. a. eine Armee, die für die grausamen Verbrechen an den Bürgern der Republik Polen während des Zweiten Weltkrieges verantwortlich ist. Die Haltung des polnischen Staates in dieser Angelegenheit ist seit Jahren bekannt. Im Jahr 2016 hat der Sejm der Republik Polen die von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (ukr. OUN) und der UPA verübten Verbrechen als Völkermord anerkannt. Auf dieser Grundlage wurde der 11. Juli als Nationaler Gedenktag für die Opfer des Völkermords, ausgeführt von ukrainischen Nationalisten, festgelegt. Im Jahr 2025 wurde dies auch durch ein Sondergesetz bestätigt.

Tatsachen sind nicht verhandelbar, sie verändern sich nicht entsprechend den politischen Konjunkturen oder Bedürfnissen. Die Fakten sind, dass mindestens 100.000 polnische Staatsbürger von der UPA in Wolhynien, Ostgalizien, der Region Lublin und Vorkarpaten ermordet wurden, und zwar nur deshalb, weil sie Polen oder Juden oder Angehörige einer anderen Minderheit waren. Tatsache ist, dass die Opfer Einwohner von Dörfern und Kleinstädten waren; es waren ganze Familien, Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Sie waren keine Soldaten auf dem Schlachtfeld. Sie waren wehrlose Zivilisten. Sie wurden brutal und bestialisch ermordet. Tatsache ist auch, dass die Opfer bis heute keine würdige Beisetzung erfahren haben.

Deshalb hat die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach den Verbrechern der UPA eine Bedeutung, die weit über die inneren Angelegenheiten der Ukraine hinausgeht. Polen hat der ukrainischen Seite mehrfach das besondere Gewicht dieser Frage signalisiert. Wir haben unsere Position und unsere Erwartung übermittelt, die Folgen dieser Entscheidung mit Blick auf die Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten noch einmal zu überdenken. Letztendlich hat sich die Haltung der ukrainischen Seite aber nicht geändert.

Die Geschichte sollte kein Hindernis für die Zukunft sein. Eine gute Zukunft kann allerdings allein auf der Wahrheit gründen. Polen hat mehrfach gezeigt, dass es die Zukunft trotz der Last der Vergangenheit gestalten kann, jedoch niemals auf Kosten der Erinnerung.

In den vergangenen Jahren haben wir die Beziehungen zur Ukraine konsequent auf Partnerschaft und Dialog aufgebaut. Nachdem ich das Amt des Präsidenten übernommen hatte, haben wir mit dem Präsidenten der Ukraine gemeinsam Anstrengungen unternommen, Vertrauen in den Bereichen aufzubauen, in denen noch Spannungen bestanden. Es ist uns gelungen, Fortschritte in Angelegenheiten zu erzielen, die jahrzehntelang nicht gelöst worden waren.

Die Rückgabe der Sankt-Nikolaus-Kathedrale in Kyjiw, die Zustimmung zur Suche und Exhumierung der polnischen Opfer in Ostrówki, Wola Ostrowiecka, Huta Pieniacka, Hołosków, Zboiska, Ugły und Puźniki waren ein Signal, dass Verständigung trotz der schwierigen Geschichte möglich ist.

All dies gab Grund anzuerkennen, dass Polen und die Ukraine nach und nach einen Weg zu einer dauerhaften Versöhnung finden.

Daher ist die Entscheidung der ukrainischen Regierung, die UPA zu glorifizieren, nicht nur empörend. Sie ist auch unverständlich und eine tiefe Enttäuschung.

Sie trifft nicht nur unser historisches Gedächtnis. Sie trifft auch das Vertrauen, das sich über Jahre und in den letzten Monaten aufgebaut hat. Sie trifft das Fundament der Versöhnung. Sie trifft die Überzeugung, dass Wahrheit die gemeinsame Sprache unserer Nationen sein kann.

Polen gehörte bereits vor dem Überfall Russlands [auf die Ukraine; Anm. d. Übers.] zu den Staaten, die die europäischen Bestrebungen der Ukraine aktiv unterstützt haben. Nach der russischen Vollinvasion 2022 haben die Polen die Grenzen, ihre Häuser und ihre Herzen für Millionen Ukrainer geöffnet. Wir erinnern uns alle an die bewegenden Bilder – Frauen, Kinder, kranke und ältere Menschen. Sogar Haustiere, die dem Flächenbrand des Krieges entrissen wurden, wurden in speziellen Veterinärzentren versorgt. Es gab keine Flüchtlingslager, sondern normale Wohnungen und Hotels. Wir haben getan, was wir konnten, um unsere Nachbarn zu retten. Polen hat in diesem schrecklichen Augenblick beispiellose humanitäre, politische, wirtschaftliche und militärische Hilfe geleistet. Wir haben andere Staaten davon überzeugt, ebenfalls schnelle Hilfe zu leisten.

Heute leben in Polen mehr als 1,5 Millionen Ukrainer. Wir haben der kämpfenden Ukraine Milliarden Zloty als Finanzierungshilfe gegeben. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte muss ich auch daran erinnern, dass die polnische Armee Tausende ukrainischer Soldaten geschult hat. Es kann uns heute nicht gleichgültig sein, dass ein Teil von ihnen jetzt unter der Standarte der UPA dienen wird. Das ist für uns inakzeptabel.

Ich erinnere an diese Zahlen und Daten nicht, um Dankbarkeit einzufordern, sondern ich nenne sie, damit alle verstehen, warum die Entscheidung des Präsidenten der Ukraine so großen Widerspruch weckt. Auch wir tragen als Gemeinschaft die Kosten dieses Krieges. Wir kämpfen nicht direkt, aber unser Einsatz ist außergewöhnlich und stark.

Der Orden des Weißen Adlers ist keine gewöhnliche Auszeichnung. Er ist ein Symbol für das höchste Vertrauen der Republik. Er steht für eine besondere Verbundenheit mit dem polnischen Staat sowie für eine besondere Dankbarkeit der Nation. Ein solches Symbol verlangt nicht nur Verdienste, sondern auch Achtung vor den Werten, die das Fundament unserer Gemeinschaft bilden.

Der Präsident ist der Großmeister des Ordens des Weißen Adlers und hat die Pflicht, die Ehrenwache über diese höchste staatliche Auszeichnung zu übernehmen. Diese Pflicht hat auch das Kapitel des Ordens des Weißen Adlers.

Daher habe ich angesichts der Zustimmung des Präsidenten Wolodymyr Selenskij, einer Einheit der Streitkräfte der Ukraine den Namen »Helden der UPA« zu geben, nach Konsultation mit dem Kapitel die Entscheidung getroffen, dem Präsidenten der Ukraine den Orden des Weißen Adlers zu entziehen.

An dieser Stelle will ich betonen: Diese Entscheidung richtet sich nicht gegen die ukrainische Nation. Die Entscheidung bedeutet keine Änderung der strategischen Richtung der polnischen Sicherheitspolitik.

Wir haben die Ukraine unterstützt und wir unterstützen sie weiter, denn wir wissen, dass die russische Aggression eine Bedrohung für die Sicherheit Polens und ganz Europas ist. An dieser Bewertung hat sich nichts geändert.

Russland ist der Aggressor und Putin ist ein Verbrecher, der die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trägt, der Europa den größten bewaffneten Konflikt seit Ende des Zweiten Weltkrieges brachte. Hinter jedem bombardierten Wohnviertel, hinter jedem zur Flucht gezwungenen Kind, hinter jeder gewaltsam auseinander gerissenen Familie steht eine im Kreml getroffene Entscheidung.

Das ist kein beliebiger historischer Fall. Polen kennt den Preis des russischen Imperialismus besser als die meisten Nationen Europas. Wir kennen ihn nicht aus den Büchern, sondern aus der Geschichte, die mit dem Blut unserer Vorfahren geschrieben wurde. Wir kennen ihn aus den Teilungen, aus Sibirien, aus den Deportationen, aus Katyn, aus den Jahrzehnten des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang. Wir kennen ihn aus den Erfahrungen der Generationen, denen die Freiheit, die Würde und das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen versucht wurde.

Deshalb dürfen wir nicht naiv sein. Die Geschichte hat uns eine brutale Wahrheit gelehrt: Freiheit ist nicht für immer gegeben. Jede Generation muss bereit sein, sie zu hüten. Und jede Generation muss den Mut haben, auf der Seite derer zu stehen, die auch heute für die Freiheit kämpfen.

Die Ukraine hat das Recht, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen, und Polen bleibt Fürsprecher ihrer Souveränität und territorialen Integrität.

Polen bleibt bereit, mit der Ukraine zusammenzuarbeiten. Polen bleibt ein Befürworter des Dialogs. Aber Polen wird konsequent die Erinnerung an seine Bürger sowie die Würde seiner staatlichen Symbole wahren. Polen wird seine nationalen Interessen und Werte verteidigen. Polen wird der Glorifizierung derjenigen, die polnische schutzlose Zivilisten ermordet haben, nicht zustimmen.

Der Weg der Ukraine in die europäischen Strukturen erfordert auch die Bereitschaft, sich ehrlich mit den schwierigen Themen der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Das vereinte Europa wurde auf der Ablehnung von Totalitarismus und Gewaltkult aufgebaut. Diese Prinzipien müssen für alle gelten. Für diejenigen, die das nicht verstehen, kann es keinen Platz in der Europäischen Union geben. Polen wird das mit Sicherheit nicht zulassen.

Die Ukraine sollte auch daran denken, dass nichts den Interessen des Kreml mehr dient als ein Konflikt zwischen Polen und Ukrainern. Jeder Streit über das historische Gedächtnis schwächt unsere Nationen und stärkt die, welche Europa spalten und unterwerfen wollen.

In unserer gemeinsamen Geschichte finden wir Symbole der tatsächlichen, wertvollen Zusammenarbeit im Kampf gegen die gemeinsame Bedrohung durch aggressive Imperien. Hetman Petro Konaschewytsch-Sahajdatschnyj im 17. Jh., Hetman Pylyp Orlik im 18. Jh., Ataman Symon Petljura im 20. Jh. Mit diesen Persönlichkeiten lässt sich die Erinnerungskultur und das Einverständnis zwischen unseren Nationen gut und klug aufbauen. Eine solche Zusammenarbeit brauchen wir. Die Stärkung des von Verbrechen vergifteten Gedächtnisses baut leider nicht auf, sondern zerstört unsere Beziehungen.

Deshalb ist die heutige Entscheidung nicht allein symbolisch. Sie ist auch ein Warnsignal. Es gibt Grenzen, die in den polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht überschritten werden dürfen. Sie ist auch ein Appell an unsere Nachbarn: Kehrt auf den Weg der Wahrheit und der gegenseitigen Achtung zurück.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist auch eine Lektion für uns selbst. Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben angesichts der Bejahung von Gewaltsymbolen. Wir dürfen die Verbreitung von Ideologien, die für Völkermord verantwortlich sind, nicht zulassen. So, wie wir Symbole des deutschen Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus zurückweisen, müssen wir den Kult um die Täter des Verbrechens von Wolhynien zurückweisen.

In der polnischen Öffentlichkeit ist kein Platz für die rot-schwarzen Fahnen Banderas [Stepan Bandera, Anführer eines Flügels der OUN; Anm. d. Übers.] Es ist höchste Zeit, sie gesetzlich zu sanktionieren. Gleichzeitig darf es keine Erlaubnis geben, die Ukrainische Aufständische Armee mit der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK) und den Verfemten Soldaten [Bezeichnung für polnische Widerstandskämpfer antikommunistischer Untergrundorganisationen in der Volksrepublik Polen; Anm. d. Übers.] gleichzusetzen. Im Gegensatz zur UPA warnte die Hauptkommandantur der AK vor blinder Rache und verbot die Tötung von Frauen und Kindern. Die, die derartige Lügen verbreiten, sollen von der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen werden. Sie schaden Polen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen. Wir dürfen unsere Erinnerung nicht preisgeben. Wir dürfen die Würde unserer Opfer nicht aufgeben. So verstehen wir unsere Pflicht denen gegenüber, die nicht mehr mit ihrer eigenen Stimme sprechen können. So verstehen wir die Bedeutung des Ordens des Weißen Adlers.

Polen lebt, wenn sich die Nation erinnert.

Es lebe Polen!

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Quelle: Prezydent Rzeczypospolitej Polskiej [Der Präsident der Republik Polen]: Prezydent RP: Podjąłem decyzję o odebraniu Orderu Orła Białego Prezydentowi Ukrainy [Der Präsident der Republik Polen: Ich habe entschieden, dem Präsidenten der Ukraine den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen]. https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/prezydent-karol-nawrocki-podjalem-decyzje-o-odebraniu-orderu-orla-bialego-prezydentowi-ukrainy,122164 (abgerufen am 23.06.2026).

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