Die militärische Lage: Tendenzen und Perspektiven
Die militärische Situation bleibt ein entscheidender Faktor, der den Zustand der ukrainischen Gesellschaft und die Entwicklung der Lage rund um die Ukraine beeinflusst. Im Jahr 2026 zeigte sich erneut ein Phänomen, mit dem die Ukraine bereits im ersten Kriegsjahr konfrontiert war: »Kriegsschwankungen«, bei denen die Initiative im Verlauf der Kampfhandlungen von einer Seite auf die andere übergehen kann und sich Inhalt, Schwerpunkte und Charakter der Kampfhandlungen in bestimmten Zeiträumen deutlich verändern können. In diesem Jahr zeigten sich die »Kriegsschwankungen« besonders drastisch und widersprüchlich.
Im Winter 2025/26 zielte Russland während einer starken Kältewelle mit massiven Luftangriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur, insbesondere in Kyjiw, und wollte dass die Menschen ohne Strom und Heizung erfrieren. Doch Kyjiw und das ganze Land haben diesen schwierigen Winter überstanden.
Im Februar und März übernahm dann die Ukraine die Initiative am Boden (eine Reihe taktischer Gegenangriffe vor allem im Süden zeigten operative Wirkung), doch Russland verstärkte im Februar erneut die Luftangriffe auf die Ukraine.
Von Ende März bis Mai gab es ein Gleichgewicht an der Front und ein faktisches Scheitern der russischen Frühjahrsoffensive. Stattdessen eskalierte Russland den Luftkrieg gegen die Ukraine.
Im Mai und Juni sahen wir den Beginn eines gegenseitigen strategischen Luftkriegs. Auf die russischen Luftangriffe reagierte die Ukraine mit systematischen und präzisen Schlägen tief im russischen Hinterland, insbesondere gegen russische Ölraffinerien, sowie mit sehr effektiven Mittelstreckenangriffen auf die russische Logistik in den besetzten Gebieten im Süden der Ukraine. In diesem Zeitraum begann auch die Kampagne zur logistischen Isolierung der Krym.
Im Juli und August kam es in der Ukraine zu einem akuten Mangel an Raketen für die Patriot-Luftabwehrsysteme. Russland nutzte dies für den Beginn des ballistischen Terrors gegen die Ukraine. Die ukrainischen Verteidigungskräfte reagierten mit weiteren Schlägen gegen das russische Hinterland. Russland setzt seine Offensivversuche zwar fort, jedoch ohne nennenswerte Erfolge.
Das Jahr 2026 ist (bisher) von einer relativen Stagnation an der Frontlinie geprägt. Auf dem Schlachtfeld dominieren auf beiden Seiten Drohnen, die über Glasfaserkabel oder mithilfe von KI gesteuert werden. Dadurch hat sich die sogenannte Kill-Zone auf einen Bereich von 15 bis 20 Kilometern Entfernung von der Kontaktlinie ausgeweitet. Die russische Frühjahrs- und Sommeroffensive ist als gescheitert anzusehen, während die ukrainischen Streitkräfte auf eine aktive Verteidigung mit periodischen taktischen Gegenangriffen setzen.
Gleichzeitig hat sich der Luftkrieg auf beiden Seiten deutlich intensiviert und zunehmend tief in das jeweilige gegnerische Hinterland verlagert. Der Ukraine gelingt es durch effektive Mittelstreckenangriffe, die Energieversorgung und Logistik auf der Krym erheblich zu beeinträchtigen. Im Schwarzen und Asowschen Meer blockieren sich beide Seiten zunehmend gegenseitig beim Hafenbetrieb und beim Getreideexport.
Die gegenseitigen Angriffe auf Infrastruktur und Logistik führen auf beiden Seiten zu Ressourcenengpässen, die sich jedoch unterschiedlich äußern. Russland ist mit einer Kraftstoffkrise konfrontiert. In der Ukraine sind mehr als 80 Prozent der thermischen und Wasserkraftwerke beschädigt. Hinzu kommen erhebliche Verluste in einzelnen Infrastrukturbereichen, darunter Häfen, Eisenbahn, Tankstellen und Einzelhandel.
Wie wird es weitergehen? Das naheliegendste Szenario ist eine weitere Eskalation des Krieges durch Russland im Winter 2026/2027. Der Kreml macht aus diesen Absichten keinen Hehl. Die Ukraine ihrerseits wird mit Angriffen auf die russische Infrastruktur und militärische Einrichtungen reagieren. Die wichtigsten Fragen lauten: Wird sich Russland bei der Eskalation des Krieges ausschließlich auf die Ukraine beschränken, oder wird es Versuche militärischer Angriffe oder groß angelegter Formen der hybriden Kriegsführung, insbesondere eines massiven Sabotagekriegs, gegen EU- und NATO-Staaten geben? Die weitere Entwicklung der militärisch-politischen Lage wird auch davon abhängen, in welchem Zustand und mit welchen Positionen die Ukraine, Russland und die westlichen Länder in das sechste Kriegsjahr eintreten werden.
Gibt es eine Chance auf eine Verhandlungslösung?
Das Jahr 2026 begann mit einer Wiederbelebung des Verhandlungsprozesses zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Im Januar 2026 kam es erstmals zu direkten Friedensverhandlungen im trilateralen Format (USA – Ukraine – Russland), wo die Umsetzung des US-Friedensplans besprochen wurde.
In Kyjiw hoffte man zu diesem Zeitpunkt (es gab entsprechende Erklärungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und des Leiters seines Büros, Kyrylo Budanow), dass es gewisse Möglichkeiten für das Erreichen friedlicher Vereinbarungen gebe. Doch es kam anders und bereits im Februar wurde der Verhandlungsprozess wieder ausgesetzt. Zwei Faktoren trugen dazu bei.
Erstens war der Verhandlungsprozess in eine Sackgasse geraten. Gemäß Trumps Friedensplan hofften die Amerikaner auf einen Kompromiss: Die Ukraine zieht ihre Truppen aus dem Donbas ab und dafür stellt Russland die Kriegshandlungen ein. Das war für die Ukraine jedoch inakzeptabel. Und dies ist nicht nur die Position der ukrainischen Regierung. Laut einer Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS), die vom 20. Juli bis zum 3. August 2026 durchgeführt wurde, halten es 60 Prozent der Befragten für absolut inakzeptabel, den Donbas im Austausch gegen Sicherheitsgarantien unter russische Kontrolle zu stellen. Zudem glaubt man in Kyjiw nicht daran, dass Russland danach den Krieg beenden würden, sondern dass Moskau dann auch noch die Übergabe der Regionen Cherson und Saporischschja fordern würde. Die russische Delegation wiederum verlangte ein Friedensabkommen ausschließlich zu russischen Bedingungen und lehnte alle Kompromissvorschläge der ukrainischen Seite ab.
Zweitens begannen die USA gemeinsam mit Israel den Krieg gegen den Iran. Dies lenkte die Aufmerksamkeit sowohl der Trump-Regierung als auch ihrer Sonderbeauftragten (Steve Witkoff und Jared Kushner) von den Verhandlungen über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges ab.
Daher stockt der Verhandlungsprozess weiterhin. Zwar kam es am 23. Juli 2026 zu einem Treffen zwischen dem US-Außenminister Marco Rubio und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. Aber Rubio erklärte, dass die bisherigen Friedensvorschläge gescheitert und in eine Sackgasse geraten seien. Sollte es überhaupt zu einem Frieden kommen, so Rubio, dann nur dank »irgendwelcher neuer Ideen und neuer Konzepte«, die die USA unter den richtigen Bedingungen vorzuschlagen bereit seien.
Wie diese »neuen Ideen und Konzepte« der USA im Verhandlungsprozess zur Beendigung des Krieges aussehen könnten, ist bislang unbekannt. Nach Aussagen einzelner US-Beamter (allerdings nicht auf höchster Ebene) und Berichten westlicher Medien ist von verschiedenen Optionen für einen Waffenstillstand als vorläufiges Friedensabkommen die Rede. Moskau lehnt dies jedoch ab und bringt dies auf hoher offizieller Ebene öffentlich zum Ausdruck.
Am 25. August stattete CIA-Direktor John Ratcliffe Moskau überraschend einen Besuch ab, dessen Ziele bis heute nicht genau bekannt sind. Während dieses Besuchs schlug er der russischen Seite laut Berichten einiger amerikanischer Medien vor, die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine unter amerikanischer Vermittlung wieder aufzunehmen, insbesondere ein Dreiertreffen zwischen Trump, Putin und Selenskyj abzuhalten. Die Antwort der russischen Seite fiel jedoch wie üblich aus: Ein solches Treffen sei nur zur endgültigen Formalisierung bereits ausgearbeiteter Vereinbarungen möglich.
Der russische Präsident Wladimir Putin geht weiterhin davon aus, dass die Ukraine dem russischen Druck nicht standhalten und den Krieg verlieren wird. Er erklärte zudem, dass die Verhandlungen über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges auf Eis gelegt seien und dass Russland derzeit nicht beabsichtigt, die Friedensverhandlungen mit der Ukraine wieder aufzunehmen.
Es ist offensichtlich, dass Russland gerade jetzt nicht zu einem Waffenstillstand bereit ist. Derzeit und in den kommenden Monaten ist die Ukraine gegenüber russischen Raketenangriffen verwundbar. Und solange der Kreml diesen »Trumpf« in der Hand hält (zumal kurz vor dem Winter), wird die russische Führung darauf hoffen, dass sie entweder den Krieg gewinnen oder die Ukraine zu erheblichen Zugeständnissen zwingen kann. Die Ukraine muss diese Phase überstehen, und die internationalen Partner der Ukraine müssen ihre Unterstützung verstärken sowie den Sanktions- und politischen Druck auf Russland erhöhen.
Erst wenn Moskau begreift, dass die erneute Winteroffensive erfolglos geblieben ist, dass man keine Chance auf einen Sieg über die Ukraine hat und dass die sozioökonomischen Probleme im eigenen Land immer größer werden, wird sich ein Zeitfenster für neue Friedensverhandlungen öffnen.
Der aktuelle internationale Kontext des russisch-ukrainischen Krieges
Eine entscheidende Veränderung im internationalen Kontext des russisch-ukrainischen Krieges fand bereits im Jahr 2025 im Zusammenhang mit der Rückkehr Donald Trumps an die Macht in den USA statt. Während Trumps zweiter Amtszeit stellten die USA ihre militärische und finanzielle Hilfe für die Ukraine ein. Lediglich die Bereitstellung von Satelliten- und Aufklärungsdaten für die Ukraine wird fortgesetzt, was ebenfalls von großer Bedeutung ist. Die USA unter Trump sehen ihre Rolle im russisch-ukrainischen Krieg im Wesentlichen als Vermittler mit dem Ziel, die Verhandlungen über die Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine zu fördern.
Damit ist Europa (sowohl die EU als auch einzelne europäische EU- und Nicht-EU-Länder, die aber Mitglieder der NATO sind) zum wichtigsten Partner der Ukraine bei der Bereitstellung finanzieller und militärischer Hilfe geworden. Und das hilft der Ukraine, dem russischen Einmarsch standzuhalten. In diesem Zusammenhang war die Entscheidung der Europäischen Union, der Ukraine für die Jahre 2026–2027 finanzielle und militärische Hilfe in Höhe von 90 Milliarden Euro zu gewähren, von grundlegender Bedeutung. Dies schafft eine ausreichend solide finanzielle Grundlage für die Fortsetzung des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion in diesem Zeitraum.
Parallel dazu vollzieht sich ein weiterer bedeutender Prozess: Die Ukraine wandelt sich zunehmend von einem »Hilfsempfänger« zu einem integralen Bestandteil des europäischen Sicherheitssystems. In verschiedenen Formaten entwickelt sich die militärisch-politische und militärisch-technische Integration der Ukraine mit den Ländern Europas. Insbesondere geht es um die Bildung verschiedener Koalitionen – von der »Koalition der Willigen« bis hin zu »Fähigkeitskoalitionen« im »Ramstein«-Format (Luftwaffen-, Artillerie- und Drohnenkoalitionen usw.).
Auch die europäische Integration der Ukraine schreitet voran. Am 15. Juni wurde das erste Verhandlungscluster über die »Grundlagen des EU-Beitritts« (»Fundamentals«) offiziell eröffnet, im Juli folgte Cluster sechs zu den Außenbeziehungen. Gleichzeitig treibt die EU-Integration den inneren Reformprozess der Ukraine voran, selbst unter Kriegsbedingungen.
Was die Sanktionspolitik der westlichen Länder gegenüber Russland angeht, zeigten sich 2025–2026 Verzögerungen bei der Verhängung neuer Sanktionen, deren relative Schwäche sowie das Fehlen einer gemeinsamen Position zwischen den USA und der EU und sogar innerhalb der Europäischen Union.
Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hatte eine Reihe negativer Folgen für die ganze Welt, insbesondere auch für die Ukraine. Vor allem kam es zu akuten Problemen bei der Versorgung mit Öl und Gas aus der Region des Persischen Golfs, was einen sprunghaften Anstieg der Preise für Öl, Gas und Erdölprodukte auslöste. Dies verbesserte zugleich die finanzielle Lage Russlands als Öl- und Gasexporteur und verschaffte dem Land zusätzliche finanzielle Mittel zur Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine. Der Krieg im Iran lenkt zudem die Aufmerksamkeit der USA und der internationalen Gemeinschaft vom russisch-ukrainischen Krieg und vom Verhandlungsprozess ab. Der größte Nachteil für die Ukraine besteht aber darin, dass ein enormer Mangel an militärischen Ressourcen entstanden ist, vor allem an Luftabwehrsystemen und Abfangraketen, die die Ukraine dringend benötigt.
Ein weiterer negativer Trend ist die Verschärfung der Spannungen zwischen den USA und den europäischen Ländern innerhalb der NATO. Für Europa ist ein Sicherheitsparadoxon entstanden: eine gewisse Schwächung der NATO bei gleichzeitiger Steigerung der Militärausgaben und der militärischen Produktion in den europäischen NATO-Staaten. Europa ist gezwungen, immer mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen, was strategisch gesehen aber eine positive Entwicklung ist – die sich aber viel zu langsam durchsetzt.
Zu einer neuen Herausforderung für die europäische Sicherheit wird der hybride Krieg Russlands gegen Europa, der inoffiziell und nicht erklärt ist, aber immer größere Ausmaße annimmt. Dazu zählen informationspolitische Einmischung in gesellschaftspolitische Prozesse einzelner EU- und NATO-Staaten; Sabotageakte auf europäischem Gebiet; Angriffe auf kritische Infrastruktur; aggressive Cyberoperationen; GPS/GNSS-Störungen und -Spoofing; Zunahme russischer Luftraumverletzungen; Vorfälle mit unbekannten Drohnen auf dem Territorium europäischer Länder.
Ein anschauliches Beispiel für Russlands hybriden Krieg gegen europäische Länder war der versuchte Sprengstoffanschlag mithilfe von Drohnen in Leipzig. Anfang August 2026 wurde auf der Start- und Landebahn des Flughafens eine Drohne entdeckt, die mit militärischem Sprengstoff beladen war – allerdings mit einem defekten Zünder. Das Gerät lag in unmittelbarer Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs. Später, am 14. und 25. August, wurden im Umkreis des Flughafens zwei weitere mit Sprengstoff beladene Drohnen gefunden. Nach umfassenden Ermittlungen machte die deutsche Regierung am 1. September 2026 Russland offiziell für den versuchten Terroranschlag verantwortlich und verhängte eine Reihe von Sanktionen.
Es wird immer offensichtlicher, dass das Risiko russischer militärischer Angriffe (möglicherweise in hybrider Form) auf Nachbarländer der NATO und der EU erheblich zunimmt. Am stärksten gefährdet sind die baltischen Staaten. Ziel solcher Angriffe könnte der Versuch sein, die NATO und die EU militärisch und politisch zu destabilisieren, die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine durch europäische Länder zu schwächen und im Idealfall ganz einzustellen sowie Europa zu einem Sicherheitsabkommen zu Russlands Bedingungen zu zwingen.
Eine der gefährlichsten Tendenzen ist die Internationalisierung des russisch-ukrainischen Krieges. Sie ist ab 2024 besonders deutlich zu erkennen und wird vermutlich weiter zunehmen. Ihr deutlichster Ausdruck ist die Beteiligung nordkoreanischer Soldaten am Krieg gegen die Ukraine. Hinzu kommen zahlreiche freiwillige Kämpfer und immer mehr Söldner aus anderen Ländern, die auf beiden Seiten kämpfen. Russland und die Ukraine haben um sich herum internationale Unterstützungskoalitionen gebildet, die sich immer deutlicher zu Wort melden. Der russisch-ukrainische Krieg (insbesondere in der Luft und auf See) verursacht zunehmend Sicherheitsprobleme für die Nachbarländer.
China nimmt weiterhin eine relativ passive Haltung gegenüber dem russisch-ukrainischen Krieg ein: Es unterstützt den Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht, verurteilt ihn aber auch nicht – und profitiert gleichzeitig davon. Peking ist weder an einer militärischen Niederlage Russlands noch an einem direkten Krieg mit dem Westen interessiert. Es handelt aus einer Art »freundschaftlicher Neutralität« gegenüber Russland. Doch die Gefahr einer Ausweitung der Kampfhandlungen, z. B. auf das Gebiet von Belarus oder die EU-Länder, könnte für China zu einer negativen Herausforderung werden. Der Einfluss des internationalen Kontexts auf den russisch-ukrainischen Krieg könnte nächstes Jahr entscheidend werden.
Die innenpolitische Lage in der Ukraine
Der auffälligste Trend des letzten Jahres ist die Zunahme innenpolitischer Turbulenzen in der Ukraine vor dem Hintergrund des Krieges. Es gibt mehr innenpolitische Bewegung, bis hin zu konfliktreichen politischen Auseinandersetzungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Einheit der ukrainischen Gesellschaft vollständig verloren gegangen ist. Die Mehrheit der Ukrainer:innen ist sich zwar weiterhin einig, dass Widerstand gegen den äußeren Feind notwendig ist – aber es gibt keinen breiten Konsens mehr in Bezug auf die Regierung. Die Haltung gegenüber den staatlichen Institutionen wie dem Präsidenten, dem Parlament und der Regierung ist kritischer geworden.
Einer der Hauptgründe für diesen Trend sind Korruptionsskandale. Dies begann bereits im Jahr 2023. Doch seit Juli 2025, als die ersten landesweiten Demonstrationen gegen die Einschränkung der Befugnisse der Antikorruptionsbehörden stattfand (vgl. dazu Ukraine-Analysen 322, https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/322/), wurde dieses Problem zu einem zentralen Auslöser für innenpolitische Auseinandersetzungen. Dies hängt auch mit der Intensivierung der Ermittlungen durch die ukrainischen Antikorruptionsbehörden, der Aufdeckung von Korruptionsfällen unter hochrangigen Amtsträger:innen sowie der politischen Auseinandersetzung mit den Antikorruptionsermittlungen zusammen.
Bei der Analyse dieses Problems muss das Paradoxon der Korruption in Kriegszeiten berücksichtigt werden. Korruption ist ein seit langem bestehendes und schwerwiegendes Problem für die Ukraine, und sie ist auch während des Krieges nicht verschwunden. Im Gegenteil: Gerade unter Kriegsbedingungen wird sie von der Öffentlichkeit noch schärfer wahrgenommen und löst kritische gesellschaftliche Reaktionen aus. Dieses reale Problem war jedoch insofern nicht verhängnisvoll für die Ukraine, als dass es das Land nicht daran gehindert hat, der russischen Vollinvasion standzuhalten.
Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass je mehr Aufsehen die Antikorruptionsermittlungen erregen, desto mehr über Korruption gesprochen wird. Von grundlegender Bedeutung ist jedoch, dass die Antikorruptionsbehörden der Ukraine ihre Tätigkeit deutlich intensiviert haben. Die Ermittlungen des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine (NABU) betrafen auch einige Personen aus dem engsten Umfeld von Präsident Selenskyj sowie zahlreiche Abgeordnete des ukrainischen Parlaments. Dies führte zweifellos zu zusätzlichen politischen Spannungen.
Dennoch genießt Präsident Selenskyj bislang das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung: Laut einer Umfrage des KIIS vertrauten im August/September 54 Prozent der Befragten dem Präsidenten, und die Meinungsforschungsgruppe »Rating« kam im August zu einem ähnlichen Zustimmungswert von 59 Prozent. Dabei vertraute etwa die Hälfte dieser Menschen dem Präsidenten voll und ganz, die andere Hälfte vertrauen ihm eher, dass das sie ihm misstrauen. Diejenigen, die Selenskyj eher vertrauen, unterstützen sein Handeln vor allem in den Bereichen Außenpolitik und Verteidigung, kritisieren ihn jedoch hinsichtlich der innenpolitischen Lage. Gleichzeitig ist jedoch die Mehrheit – zwei Drittel laut einer Umfrage vom Mai 2026 – der Meinung, dass die Ukraine nach Kriegsende einen neuen Präsidenten brauchen wird.
Aufgrund des Kriegsrechts fanden in der Ukraine seit sieben Jahren keine Präsidentschafts- und Parlamentswahlen mehr statt. Obwohl viele Menschen in der Ukraine zahlreiche Vorwürfe gegen die staatlichen Institutionen hegen (inklusive dem Präsidenten), sind sie der Ansicht, dass Wahlen und ein Machtwechsel erst nach Kriegsende stattfinden sollten. Dies zeigte sich z. B. im Zuge der politischen Auseinandersetzungen um die Entlassung von Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister im Juli 2026. Mit 72 Prozent verurteilte zwar die Mehrheit der Ukrainer:innen laut einer Umfrage der Meinungsforschungsgruppe »Rating« die Entlassung von Fedorow. Als er jedoch vorschlug, die Möglichkeit von Wahlen während des Krieges zu prüfen, stieß dies auf heftige Kritik, unter anderem auch seitens vieler seiner Anhänger:innen. Gleichzeitig fordern die Ukrainer:innen von den Behörden mehr Aufmerksamkeit und Respekt für die Haltung der Gesellschaft, wie die Protestaktionen im Sommer 2025 und 2026 zeigen.
Der anhaltende Krieg wirkt sich zweifellos auf den Zustand der ukrainischen Gesellschaft aus. Es herrscht Kriegsmüdigkeit und es gibt zahlreiche negative Folgen. Gleichzeitig aber herrscht das Verständnis vor, dass die Menschen durchhalten müssen und für einen Frieden auch Kompromisse eingehen werden müssen. Die ukrainische Gesellschaft steht zahlreichen Problemen – Korruptionsskandalen, Mobilisierungsmethoden und Fehlentscheidungen der Regierung – zwar kritisch gegenüber. Es besteht jedoch ein weitgehender Konsens, dass der Krieg das Hauptproblem ist und das Land sich nicht in einen tiefgreifenden inneren Konflikt hineinziehen lassen dürfe. Trotz innenpolitischer Probleme und Herausforderungen bleibt der Widerstand gegen die russische Invasion die oberste Priorität für die Ukrainer:innen.
Fazit
Das fünfte Jahr des russisch-ukrainischen Krieges wird kaum entscheidend sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist zu erwarten, dass der Krieg in den nächsten sechs Monaten nicht enden wird. Putin hofft immer noch, die Ukraine mit Gewalt zur Kapitulation zu zwingen. Allerdings ist es ihm in den ersten viereinhalb Kriegsjahren nicht gelungen, dieses Ziel zu erreichen, und es wird ihm auch jetzt nicht gelingen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Krieg entweder eine noch umfassendere und gefährlichere Eskalationsstufe erreicht – oder allmählich endgültig in eine Sackgasse gerät. Dann wird die Notwendigkeit von Verhandlungen über seine Beendigung noch dringlicher werden.